28.06 / Tag 14: Goro II - Camp am Concordiaplatz (4650m ü.NN)

6 bis 7 Stunden reine Laufzeit sind heute in den üblichen Tagesplänen der Agenturen veranschlagt für die Strecke bis zum Camp am Concordiaplatz. Den Blick gletscherabwärts gerichtet in Richtung Westen ist die Welt wolkenbedingt noch in Ordnung, es herrscht eitel Sonnenschein, nur in Richtung Osten zu all den Gasherbrums hat sich eine Wolkenschicht gebildet. Es ist mit der Entwicklung des Wetters genauso wie ich es gestern Abend erwartet hatte, auch Guide Mussa glaubt mir jetzt. Wir können nur hoffen, dass die Wolken über dem Gasherbrummassiv an Ort und Stelle bleiben, ich glaube es eigentlich weniger.

Geologisch betrachtet gehört auch noch der Broad Peak, der “breite Berg”, da er seinem westlichen Entdecker an das Breithorn in der Schweiz erinnerte, zur Gasherbrum Gruppe. Auch der Name Concordiaplatz ist abgeleitet vom Konkordiaplatz am Ursprung des Grossen Aletschgletschers in den schweizerischen Alpen. Da der Broad Peak mit seinen 8051m etwas niedriger als der Gasherbrum I (Hidden Peak) ist, müsste der geologisch betrachtet eigentlich der Gasherbrum 1,5 sein.

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Sonnenaufgang am Goro II Camp - Blick zurück gletscherabwärts nach Westen - In der Sonne: Payu Peak 6621m, Choricho I 6769m, Choricho II 6625m, Uli Biaho 6300m, Uli Biaho Tower 6060m

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Zum Sonnenaufgang am Goro II Camp - Blick nach Osten gletscheraufwärts in Richtung Concordiaplatz und zu den Mitgliedern der Gasherbrum-Familie

Wie an den Vortagen, so verläuft auch die heutige Strecke durchgehend auf dem Baltoro-Gletscher. Waren es gestern nur vereinzelte Eissegel, die aus dem Geröll herausragten, so sind heute zu Beginn viele ein komplette Irrgärten an Eissegeln zu durchlaufen. Oft reicht das Eis auch bis an die Oberfläche und manchmal gibt es auch kleine Gletscherbäche zu queren.

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Die Welt im Kleinen ganz groß - nur die Spitze eines “Eissegels” aber die Wirkung als wäre es ein Eishang im Hochgebirgen

Beim Queren einer dieser Gletscherbäche unterläuft mir ein kleiner Rechenfehler (oder bin ich doch einfach nur zu schwer dafür): obwohl ich genügend Abstand zur überstehenden Eiskante der zu betretenden Eisfläche halte, bricht die Eiskante ab und ich stehe urplötzlich einen guten halben Meter tiefer. Glücklicherweise ist das Wasser nicht tiefer als die Schafthöhe meiner Schuhe, alles im Schuhbereich bleibt trocken.

Beim nächsten Ausrutscher von mir kaum 15 Minuten später läuft nicht mehr alles so glimpflich ab. Da man ja auf den Geröllfelden nicht mit Steigeisen geht, lässt es sich leider nicht immer verhindern, dass man auf einer abschüssigen Strecke bei unaufmerksamen Bewegungen mit den Beinen nach vorne wegrutschen kann. Als bei mir heute dieser Fall eintritt, stütze ich mich instinktiv mit der rechten Hand nach hinten hin ab und lädiere mir dabei das rechte Handgelenk. Es schmerzt zwar deutlich am Handgelenk, die Funktion ist aber noch gegeben. Und das Abwinkeln der Hand in die entgegengesetzte Richtung (in “Faustrichtung”) ist absolut schmerzfrei.

Bis zu unserer Mittagsrast nach etwa 2/3 der Tagesstrecke haben wir noch eitlen Sonnenschein, aber manch ein markanter Berg im Umfeld hat sich inzwischen schon hinter den Wolken versteckt. Auch der 7273m hohe bekannte Eisturm des Muztagh Tower hat sein Antlitz bereits verborgen.

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Muztagh Tower (“Eisturm”) 7273m vom Baltoro Gletscher aus

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Muztagh Tower (“Eisturm”) 7273m vom Baltoro Gletscher aus, (c) by Inna

In Richtung Westen zum Concordiaplatz ziehen die Wolken immer mehr zu, aber in der Zeit vor der Mittagsrast herrschte dort noch Himmel weißblau.

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Mitre Peak 6010m, kaum zu glauben, dass es nur ein kleiner Sechstausender ist, im Hintergrund links einer von den sieben Gasherbrums

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Namenloser gut 5800m hoher Berg westlich des Mitre Peak auf der gegenüberliegenden Seite des beide Berge trennenden Nunting Gletschers

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Blich nach Osten: langsam kommt der Broad Peak zum Vorschein, der Gasherbrum IV bereits in Wolken

Schon wenige Minuten nach Verlassen des Mittagsrastplatz ist es mit den letzten Sonnenstrahlen vorbei. Kaum ist die Sonne weg, sinken auch die Temperaturen deftig, aus bis jetzt gefühlten 25-30°C werden 5-10°C.

Die Wegfindung auf dem Gletscher ist hier nicht immer einfach. Meist steigt der Gletscher zwar nur sanft an, aber wirkliche Pfade sind manchmal nur schwer zu erkennen. Hat dann noch jemand eine Sonnenbrille mit polarisierten Gläsern, dann wird es nochmals schwieriger, den Pfad vom Rest zu unterscheiden, da die unterschiedlichen Spiegelungen der Steine dann schwerer zu erkennen ist. Da bleibt manchmal nichts anderes übrig, als durch seitliches Neigen des Kopfes der 90° Polarisationsebene der Sonnenbrille zu entgehen.

Wiederholt erweist sich am Gletscher der vermeintlich einfachere Weg als Sackgasse, wenn wieder irgendeine Gletscherspalte oder auch nur eine kaum 2m hohe Abbruchkante das Weitergehen abermals verhindert.

Gegen 13:30 Uhr kommen wir an einem Lagerplatz an, der den Namen Concordiaplatz trägt. In Richtung Nord am Ende des hier endenden Godwin Austen Gletscher sollte jetzt eigentlich der kaum 10km entfernte und 8611m hohe K2 Berg zum Vorschein kommen, nur er ist jetzt gänzlich in Wolken gehüllt. Dem Nachbar-Achttausender Broad Peak geht es nicht besser. In Richtung Süden zum Upper Baltoro-Gletscher ist die Sicht noch vorhanden, hier ist noch der kaum 15km entfernte 7275m hohe Baltoro Kangri zu sehen.

Die Lage des Concordia Camps habe ich mir irgendwie doch etwas anders vorgestellt. Eher zentral an dem Ort, wo sich die vielen Gletscher Baltoro, Upper Baltoro, Gasherbrum, South Falchan und Godwin Austen unmittelbar treffen. Jetzt liegt dieses Lager aber fast dezentral am Baltoro-Gletscher in der Nähe des Mitre Peak. Ist es vielleicht dem Umstand geschuldet, sicherheitshalber außerhalb der Vereinigungszone des Godwin-Austen und des Upper Baltoro Gletschers sein zu müssen?

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Blick vom Concordia Camp nach Südosten zum Baltoro Kangri (7275m) und Kondus Peak (6580m)

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Küchenzelt im Concordia-Camp

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Concordia Camp - (Alb-)Traumaussichten: Blick nach Nordosten in Richtung Godwin Austen Gletscher, links der Marble (6017m), im Hintergrund im Hellen versteckt sich der 8611m hohe K2, in Bildmitte wäre normal der Broad Peak zu sehen

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Blick zum Concordia-Camp von der nördlichen Seite des Baltoro-Gletschers, Mitre Peak im Hintergrund

Kaum haben wir uns im Camp häuslich eingerichtet, bekommen wir auch schon Besuch von der aus den Vortagen bekannten italienischen Gruppe. Die Besucher sagen, dass ihnen noch einige Mitglieder abgehen, die eigentlich schon zeitlich längst im Camp sein müssten und ob wir etwas von deren Verbleib wüssten. Uns sind die Mitglieder der italienischen Gruppe untertags nur deshalb aufgefallen, als es urplötzlich wieder mucksmäuschenstill am Gletscher wurde. Oder anders ausgedrückt: In dieser Gruppe war während der Wanderung nur ein Geschnatter und diesem wollten wir aus dem Weg gehen und wir haben somit unsere Pausen so gelegt, dass dies auch möglich sein sollte.

Fünfzehn Minuten später kommt von den “vermissten” Italienern eine Frau aus Richtung Westen ins Camp und teilt mit, dass einer von der Gruppe massive Kreislaufprobleme habe. Es dauert nur wenige Minuten und es machen sich einige Träger mit einem Maultier auf Weg zurück in Richtung Westen.

Nach einigen Minuten kommen sie wieder zurück ins Camp. Auf dem Maultier sitzt halb bewusstlos einer aus ihrer Gruppe, gehalten von mehreren Trägern. Die Person ist mir schon vor zwei Tagen im Camp Urdukas aufgefallen. Irgendwie hatte ich damals schon das Gefühl, da denkt jemand zu langsam, als würde die Person vor der Gruppe eigene Probleme verheimlichen wollen.

Wie an den Tagen zuvor, bauen all die Träger wieder ihr separat gelegenes Nachtlager auf. Sofern noch nicht vorhanden, wird aus größeren Steinen ein Windschutz aufgebaut. darüber wird dann eine Plane gezogen, als Regen- und Sonnenschutz von oben. In diesem Lager wird dann gekocht und später genächtigt.

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Nachtlager für die Träger

Ein Regenschutz für das Trägerlager ist auch wirklich notwendig, denn am späteren Nachmittag beginnen länger anhaltende Graupelschauer. Man kann sich über die Qualität dieses Lager für die Träger und den Vergleich zu den Zeltlagern der Touris streiten, aber diese Lager erfüllen ihren Zweck. Es ist schnell errichtet, hat Nässeschutz, ist innen wärmer als ein Tourizelt, wärmer als ein Kochzelt außerhalb der Essenssaison und schmälert nicht das Einkommen der Träger.

Mit einem Blick auf die umgebende Bergwelt wird es heute kaum noch etwas werden.

Noch vor dem Abendessen steht schon wieder eine Aufteilung der Ausrüstung und Essensvorräte an, die beiden Kanadier werden uns morgen Früh verlassen. Sie wollen bei gutem Wetter direkt weiter in Richtung des vor dem Gondogoro La gelegenen Ali Camp gehen. Inna und ich werden zunächst in entgegengesetzter Richtung nach Norden zum Broad Peak Base Camp weiterziehen. Wenns es dann die Zeit und die Umgebungsbedingungen am morgigen Tag erlauben, auch noch weiter bis zum K2 Base Camp und anschließend wieder zurück zur Übernachtung im Broad Peak Base Camp.

 

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